|
Der Steptanz ist -
neben der Jazz-Musik - wohl die einzige internationale Koproduktion,
die es in der Kultur gibt. Nahezu alle Völker haben ihren Teil zur
Entstehung dieser Tanzform beigetragen.
|
|
Die irischen
Volkstänze, die sogenannten ‚Jigs und Reels‘, wie man sie
kürzlich in so hervor- ragenden Shows wie ”Riverdance”, ”Lord of
the Dance” und zuletzt ”Feet of Flames” sah, weisen z.B. eine
verblüffende Ähnlichkeit mit dem Steptanz auf: Die Tänzer tragen
eisenbeschlagene Schuhe und produzieren damit hörbare Aufschläge zur
Musik.
|

|
|
Bei den irischen
Volkstänzen handelt es sich genaugenommen um einen der ‚Großväter‘
des heutigen, modernen Steptanzes oder ,Tap Dance’, wie man ihn in
Amerika nennt.
Ein weiterer europäischer Vorfahr des Tap Dance ist der Holzschuhtanz
aus den Niederlanden, bei dem die Aufschläge oder ‚Sounds‘ mit
den hölzernen ‚Clogs‘ erzeugt werden. Aus Spanien kommt der
Flamenco, bei dem ebenfalls die Füße hörbar ‚musizieren‘.
Beim Flamenco
sind es mit Nägeln beschlagene Schuhe, die das charakteristische
Geräusch hervorbringen. Selbst der bayrische ‚Schuhplattler‘ kann
als entfernter Verwandter des Tap Dance angesehen werden. All diesen
europäischen Tanzformen fehlt jedoch ein wesentliches Element, dass für den Steptanz von elementarer Bedeutung ist: der ‚Swing‘.
Untersucht man genauer, was eigentlich mit ‚Swing‘ gemeint ist und
wo die Wurzeln dieses rhythmischen Prinzips liegen, so stößt man auf
die Tänze und Riten des afrikanischen Kontinents. Sie enthalten ein
wesentliches Element, welches in den europäischen Tänzen gänzlich
fehlt, nämlich das Spielen mit dem Rhythmus, das Verschieben eines
rhythmischen Schwerpunkts auf einen eigentlich unbetonten Taktteil.
Erst durch diese spezielle Form der Synkopierung konnte durch den Zusammenfluss
der afrikanischen und europäischen Formen
eine ganz neue Tanzform entstehen.
|
|
Wie kam der
‚Swing‘ in den Tanz?
 |
|
Auf
dem Gebiet der heutigen USA trafen während der Einwanderungszeit die
verschiedenen Volksgruppen - und natürlich auch deren Tänze - aufeinander. Für
die Europäer war jedoch der Tanz nur eine Tradition von vielen, die sie mit in
die ‚Neue Welt‘ nahmen. Ganz anders erging es hingegen den Afrikanern, die
als Sklaven mit Gewalt nach Amerika verschleppt wurden. Sie durften aus ihrer
Heimat nichts außer ihrem Körper mitnehmen, so dass Tanz, Gesang und Musik für
sie lebenswichtig wurden, da sie die einzigen noch bestehenden Verbindungen zu
ihrer eigenen Kultur darstellten. Der Tanz, als unmittelbarste Äußerung
seelischer Vorgänge, wurde für sie zur identitätsstiftenden Ausdrucksform.
Natürlich
sahen die Afrikaner die fremden Tänze der Europäer und übernahmen deren
Schrittfolgen und Bewegungen und vermischten sie mit ihren eigenen Tänzen. Am
deutlichsten zeigt sich der afrikanische Einfluss auf den Tanz wie bereits
beschrieben in rhythmischer Hinsicht: Sie ‚erfanden‘ sowohl in der Musik als
auch im Tanz den ‚Swing‘, sodass die swingende, synkopierte Jazz-Musik und
der Steptanz geboren waren. Nur den Namen ‚Tap Dance‘ gab es damals noch
nicht.
|
 |
Seit wann gibt es eigentlich den Namen ‚Steptanz‘ oder ‚Tap
Dance‘?
 |
|
Zuerst
sah man den neuen Tanz der Afrikaner als eine Sonderform der irischen Volkstänze
an.
Später
wurde er dann auch ‚Buck‘ oder ‚Buck and Wing‘ genannt. Dieser Name geht
auf die charakteristische Armbewegung bei der Ausführung eines bestimmten
Schrittes zurück, die dem Flügelschlag eines Vogels ähnelt, und der als
sogenannter ‚Three Tap Wing‘ in abgewandelter Form noch heute existiert. Der
Schritt und die gesamte Tanzform wurden daher ‚Buck and Wing‘ genannt. Die
Blütezeit des ‚Buck and Wing‘ war etwa von 1880 - 1920. Heute könnte man
diesen Zeitraum als das ‚Steinzeitalter‘ des Steptanzes bezeichnen. Der Name
‚Tap Dance‘ erscheint erst gegen Ende der zwanziger Jahre. Auch im Film wird
zu diesem Zeitpunkt, etwa um 1928, zum ersten Mal gesteppt.
Seitdem
entwickelte sich Steptanz bis in die fünfziger Jahre zur Bühnentanzform Nr. 1
und wurde in unzähligen Filmen, Shows und Musicals in den unterschiedlichsten
Stilen gezeigt.
|
 |
Wer waren die Stars des ‚Tap
Dance‘?
 |
|

|
Das
Medium Film brachte Künstler wie Fred Astaire hervor, der mit seiner
schwerelosen Eleganz bis heute unerreicht geblieben ist. Später
präsentierten Tänzer wie Gene Kelly, Donald O‘Connor und Gene Nelson
in großen Hollywood-Produktionen die unterschiedlichsten
Stilrichtungen. Tänzerinnen wie Eleanor Powell und Ann Miller, die
besonders wegen ihrer unglaublich schnellen Aufschläge bekannt waren,
wurden die ersten weiblichen Steptanzstars im Film. |
|
|
Für
die Afroamerikaner hingegen war Hollywood kaum erreichbar. Aufgrund der damals
herrschenden Rassentrennung konnten es nur wenige zum Film schaffen. Bill
Robinson war der Prominenteste unter ihnen. Mit seiner unglaublichen
Geschwindigkeit, seinen klaren, präzisen Aufschlägen und nicht zuletzt seiner
gewinnenden Persönlichkeit wurde er zu dem Stepstar überhaupt. Noch heute
feiern Steptänzer weltweit jedes Jahr am 25. Mai, dem Geburtstag von Bill
Robinson, den ‚Tap Dance Day‘. Neben Bill Robinson schafften es besonders
die Nicholas-Brothers, die bis heute unerreichte Akrobatikelemente in ihre Tänze
einbauten, zu Filmstars zu werden. Wer alle drei einmal gemeinsam bewundern möchte,
sollte sich den Film ”Stormy Weather” (Twentieth Century Fox, 1943)
unbedingt anschauen.
Auf
den Theaterbühnen war der Tänzer John W. Bubbles, der nur in wenigen Filmen in
winzigen Nebenrollen erscheint, mit seinem Partner Buck in der damals
weltbekannten Show ”Ziegfeld Follies” zu sehen. Sie traten als Duo ‚Buck
& Bubbles‘ auf; beide sangen, Buck spielte Klavier und Bubbles steppte.
John
W. Bubbles gilt auch als Erfinder des ‚Rhythm Tap‘, einer neuen Stilrichtung
des Tap Dance. Er reduzierte das damals vorherrschende, rasend schnelle Tempo
der Musik um fast die Hälfte und erreichte dadurch eine viel größere Freiheit
in seinen Rhythmen. Bubbles legte viel Wert auf den Klang seiner Heels und
entwickelte eine deutlich höhere rhythmische Komplexität, die erst durch das
neue, langsamere Tempo möglich wurde.
Der
‚Rhythm Tap‘ brachte einige der größten Steptänzer überhaupt hervor:
Baby Laurence, Charles ‚Honi‘ Coles und die Condos-Brothers waren maßgeblich
an der weiteren Entwicklung des Steptanzes beteiligt.
|
 |
Wie sah es in Deutschland aus?
 |
|
Egon
Bier schrieb 1930 den ersten deutschen Artikel zum Thema ”Steppen”. Einige
Jahre später wurde dann Marika Rökk zum ersten deutschen Steptanzstar. Sie ließ
sich durch die Filme von Eleanor Powell inspirieren, tanzte und steppte in den
dreißiger Jahren in etlichen Filmen und machte den Steptanz so beim deutschen
Kinopublikum bekannt.
In
den fünfziger Jahren erlangten Caterina Valente und ihr Bruder Silvio Francesco als Entertainer und Steptänzer
in ganz Europa Popularität. Sie tanzten, sangen und steppten in Filmen wie ”
Und abends in die Scala” oder ”Liebe, Jazz und tausend Schlager”, in denen
auch manchmal ihr Lehrer auftrat. Es war John W. Bubbles, der oben bereits erwähnte
‚Father of Rhythm Tap‘.
|
 |
Und wie geht es weiter?
 |
|
”Anything
Goes” könnte man in Anlehnung an den berühmten Song über die heutige
Situation sagen, denn heute geht einfach alles: Vom alten, klassischen Musicalstück
wie ”Singin’ in the Rain” über modernen Jazz bis hin zu Technorhythmen
sind dem Erfindungsreichtum der Steptänzer keine Grenzen gesetzt.

Selbst
Mozart, Bach und Beethoven können heute vor einer ‚Bearbeitung‘ durch uns
Steptänzer nicht mehr sicher sein.
|
|
In
den letzten 10 Jahren erlebte der Steptanz außerdem einen Boom wie seit den
40er Jahren nicht mehr. Nachdem er in den 60er und 70er Jahren nahezu gestorben
war, erinnerte man sich gegen Ende der 70er Jahre wieder an ihn. Zuerst wurde
hauptsächlich nachgeahmt, man tanzte die alten Nummern der großen Stepstars
aus den Filmen nach und ging zu den noch lebenden Steptanzlegenden, um wieder
von ihnen zu lernen.
Der Durchbruch war jedoch ein 1989 in den Kinos gezeigter Film, in dem einige
der besten Steptänzer der Welt auftraten. Der Name des Films war Programm: Er
hieß ”Tap” bzw. ”Tap Dance” im deutschsprachigen Raum. Angeführt von
Gregory Hines, der den Steptanz in den 90er Jahren fast im Alleingang wieder
weltweit zur Popularität verhalf, traten Sammy Davis Jr., Jimmy Slide, Steve
Condos, Arthur Duncan, Fayard Nicholas, Sandman Sims und der damals noch ganz
junge Savion Glover zum ersten Mal seit Jahren wieder in einem Steptanzfilm auf. Dem
Film folgte eine Fernsehshow im amerikanischen Fernsehen und so wurde in den
folgenden Jahren eine neue Blütezeit des Steptanzes eingeleitet.
Den
endgültigen Durchbruch, auch beim allgemeinen Publikum, schafften dann in den
letzten Jahren die großen irischen Shows. Diese zeigen vor allem, daß Steptanz
ohne Schwierigkeiten eine tragende Rolle in einer publikumswirksamen,
unterhaltenden Show einnehmen kann und nicht nur als kurze Einlage dient. Auf
jeden Fall darf man sehr gespannt sein, was uns Steptänzern für das 21.
Jahrhundert noch so alles einfallen wird.....
|